Erfolgreicher Deutsch-Förder-Unterricht für Schüler mit Migrationshintergrund
Charlotte Lewerich, Dipl.-Päd., Grundschullehrerin
(Überarbeitete Fassung eines Vortrags aus dem Jahr 2009)
 

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Zur Situation meines Unterrichts: Ca. 40 Schüler kommen in unterschiedlich großen Gruppen zu einem einstündigen Förderunterricht zu mir. Der Unterricht findet klassenintern oder klassenübergreifend parallel zum Deutsch-Unterricht statt. Mit den FachkollegInnen stehe ich in Kontakt, mein Unterricht passt sich jedoch inhaltlich nicht dem Deutschunterricht der einzelnen Klassen an. Die SchülerInnen (SuS) sind alle nach der HSP (Hamburger Schreib-Probe) getestet.
 

Positive  Bedingungen

  • Der Unterricht in kleinen Gruppen ermöglicht ein direktes Eingehen auf individuelle  Problemlagen.
  • Der Unterricht findet parallel zum Fachunterricht statt.
  • Die SuS erleben:  „Ich bin nicht allein mit meinem Problem“.

 

Negative Bedingungen

  • Schüler wollen nicht gerne aus dem Klassenverband herausgehen, auffallen, als Teilnehmer am Förderunterricht stigmatisiert sein.
  • Fördermaßnahmen werden von Kindern durchaus als persönliche Kränkung empfunden. . 
  • Neben dieser Ablehnung begegne ich auch Formen  innerer Emigration, einem Rückzug aufgrund fehlender Erfolge - die Schüler schämen sich.  

 

Lesen ohneVerstehen bzw. Schreiben ohne Sinnverständnis kann nur frustrierend sein. Wenn wir z.B. in Tanzania den folgenden Text so vorlesen, wie er da steht,  können wir unsere Zuhörer in Erstaunen versetzen, denn was wir da lesen, wird von ihnen verstanden!  

       mimi  sina baba wala mama   (Ich habe keinenVater und keine Mutter.)
       keti  upande  wangu wa  kulia  (Setz Dich rechts zu mir!)  

Allerdings ist damit keinem geholfen: wir verstehen nicht, was wir vorlesen und sind erst recht hilflos, wenn wir „verstanden“  und dann auf Kisuaheli angesprochen werden. In Tanzania, früher eine deutscheKolonie, wird die Landessprache (Kisuaheli) mit dem lateinischen Alphabet geschrieben und deutsch lautiert. Wir  können sie zwar korrekt lesen, verstehen aber nichts. Eine Rechtschreibübung wäre für uns sinnlos.

Ähnlich kann es auch Kindern ndH bei uns ergehen. Ihnen fällt der Erwerb der deutschen Sprache schwer. Diese Schwierigkeiten werden noch verschärft, wenn Kinder mit Migrationshintergrund Schwächen beim Hören, Lesen und Schreiben zeigen.  Vor jeder Übung muss daher das Verstehen garantiert sein.
 

Unterrichtsziele

  • Verbesserung der Leistungen im Hören, Lesen, Schreiben und Sprechen und Erweiterung des Wortschatzes
  • Freude am Hören, Lesen, Schreiben und Sprechen entwickeln
  • emotionale Stabilisierung und Ermutigung der SuS
  • Stützung des Selbstwertgefühls
  • Akzeptierung der Schwäche bzw. sie als Herausforderung begreifen
  • intellektuellen Zuwachs erreichen
  • Bestätigung der Anstrengungen durch Lob,also positive Rückkopplung
  • Vertrauen bilden

Die Wege, diese Ziele zu erreichen, laufen nicht isoliert ab, sondern spiralförmig, sozusagen ganzheitlich, sich gegenseitig beeinflussend. Wie versuche ich nun, diese Ziele zu erreichen?

 

Aufbau eines Vertrauensverhältnisses
Meine SchülerInnen und ich sehen uns nur einmal in der Woche.  Die interpersonale Kommunikation muss zwischen uns stimmen. Dafür bin ich verantwortlich.
Ich schaffe eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der man Fehler machen darf, reden kann, wie einem der Schnabel gewachsen ist, in der jeder den anderen so nimmt, wie er ist. Ich versuche dadurch das Vertrauen meiner Schüler zu gewinnen und zu erhalten.

Der Unterricht findet in einem eigenen Übungsraum statt. Dies hat den Vorteil, dass ich auf meine Schüler warten kann und alle Materialien bereits für sie vorbereitet sind.  Wer früher kommt,  mit seinen Aufgaben schon fertig ist oder eine Pause machen möchte, kann das ausgelegte Material benutzen.  
Immer findet zu Beginn ein persönliches Gespräch über die vergangene Woche oder über besondere Vorkommnisse statt.

 

Unterrichtsgestaltung
Die folgenden Aspekte der Unterrichtsgestaltung gelten natürlich für jeden Unterricht; dennoch halte ich es für wichtig, sie sich in Erinnerung zu rufen. Der Unterricht muss interessant, ansprechend, fesselnd, fordernd aber nicht überfordernd, altersgemäß, überschaubar, transparent und  nachvollziehbar sein. Schüler können durchaus beurteilen, ob der Unterricht für sie sinnvoll oder Zeitverschwendung war. Auf Schülerrückmeldungen und die Eigenheiten der verschiedenen Schülerpersönlichkeiten muss ich jederzeit reagieren, Unruhe, Unaufmerksamkeit analysieren. Dies erfordert ein hohes Maß an Konzentration.
Der Unterricht muss den SchülerInnen Freude machen. Er muss so sein, dass die SchülerInnen ihn in guter Erinnerung behalten und gerne wiederkommen! Das Prinzip „Weniger ist mehr“ gilt besonders hier, also möglichst nur ein Thema, einen Schwerpunkt, keine Textflut….
 

Rituale helfen, sich zu orientieren

  • Einstiegsritual     
  • Benennen des Unterrichtsinhaltes
  • Spielerisch üben und lernen
  • Ergebnisse präsentieren

 

Unterrichtsverlauf

Zu Beginn der Stunde gibt es immer ein Einstiegsritual wie z.B. Aufsagen eines Gedichts, ein Silbenspiel,  Suche nach Reimwörtern, Vorlesen eines Kapitels aus einem Buch, ein Spiel zur phonologischen Bewusstheit (die Schüler diktieren sich nach Bildkarten gegenseitig deren Bezeichnungen mit Buchstabenwürfeln = hören, analysieren).

Danach teile ich den Schülern das Thema der Stunde mit, zum Beispiel: „Wir wollen uns heute mit zwei Vorsilben befassen und uns ihre Schreibweise anschauen. Was ist eigentlich eine Vorsilbe?“ Wenn nun Schüleräußerungen kommen, falsche oder richtige, sind sie ein geeigneter Zugang zum Thema. Wichtig ist mir dabei, das Vorwissen der Schüler zu aktivieren.

Das Hauptthema der Stunde ist ein für das Deutsch-Training relevanter Aspekt:

  • zur phonologischen Bewusstheit,
  • zur Rechtschreibung, Grammatik und Semantik,      
  • zum freien Erzählen und Schreiben,
  • zu Lesestrategien und dem sinnerfassenden Lesen,
  • Konzentrations- und Gedächtnistraining:  Erkennen und Schreibweise von Nomen und anderen Wortarten, Vorsilben, Nachsilben, Wortstamm, Veränderung der Schreibweise von Verben bei der Beugung, Hilfe beim Erkennen des richtigen Endlautes, Hörübungen, Leseübungen,
  • Gespräch über den Text, Abschreibübungen,
  • Freies Schreiben, also das Schreiben ohne Gedanken an Fehler,
  • Ausbau des Wortschatzes.  

Meist werden die Ergebnisse vorgelesen, das Erlernte im Heft notiert, auf einem Arbeitsblatt gefestigt oder durch ein Spiel wiederholt.

Spiele nehmen überhaupt einen wichtigen Platz in meinem Unterricht ein.

 

Mit Spielen lernen – spielend lernen
Kinder jeden Alters spielen gern, diese Spielfreude nutze ich für meinen Unterricht. Den trocken erscheinenden Unterrichtsstoff  versuche ich, variantenreich im Spiel den SuS zur Aneignung zu präsentieren. Die spielerische Komponente aktiviert Emotionen, jede/jeder will gewinnen, der/dieErste sein, die meisten Punkte haben.  

 

Beispiel: Nehmen wir die Vorsilben ent und end: Wortkarten werden gelesen, der Unterschied zwischen t und d fällt auf und man sortiert die Karten danach. 
Dass das end mit Ende zu tun haben könnte und das ent mit aus, heraus, wird meist von den Schülern selbst entdeckt, und löst eine Suche nach weiteren Beispielen und der Beweisaufnahme (Endstation,Entlassung) aus. Bei einer Einsetzübung macht es dann Spaß, als erster die meisten richtigen Treffer zu haben.
 

Beispiel: Schon das Wort Abschreibübung klingt langweilig.  Richtig abzuschreiben fällt meinen Schülern schwer.  Zuerst stellt deshalb jeder seine Methode vor und man vergleicht und probiert sie aus.
Das Ziel, einen kleinen Text fehlerlos und möglichst gut lesbar abzuschreiben, erfordert volle Konzentration! Zwischenziel kann sein, statt nur einzelne Buchstaben abzuschreiben, sich ein Wort oder sogar zwei zu merken. Man liest es, prägt es sich ein und schreibt es auswendig auf. Bei der anschließenden eigenen Kontrolle kann man zusätzlich punkten, wenn man Fehler entdeckt. 
Zum Schluss wird gegenseitig kontrolliert. Meist ist das Ergebnis ermutigend für Lernende und Lehrende!
 

Beispiel: Ein Handschuh oder Regenschirm wird gezeigt. Wie viele Nomen entdecke ich im Wort? Wer findet weitere Worte mit zwei oder sogar drei darin versteckten Nomen?
Wir schauen uns die Schreibweise an.
Nächster Wettstreit ist die Suche nach dem passenden Artikel (passend zum Grundwort). 

Zur Abrundung spielen die Schüler das Memory „Aus zwei mach eins“ (Memory-Spiel mit drei Karten). Aus dem Bild einer Sonne und dem Wort Schirm wird ein Sonnenschirm. Die Schüler festigen spielend noch einmal das Erarbeitete. Neben dem Lesen wird die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis trainiert. Das Spiel lässt sich erweitern, indem man sich einen Satz zum gefundenen Wort ausdenken soll.

 

Erzähle und punkte
Um die SuS zum freien Sprechen zu verlocken, spielen wir ein Spiel  „Erzähle und punkte!“  Die SuS erwürfeln eine interessante und lustige Frage oder Aufforderung. Je nachdem, wie ihre  Antwort ausfällt, erhalten sie Punkte. Wer hat am Schluss die meisten?

Spielend lernen mit Buchstabenwürfeln

„Scrabble“
Buchstabenwürfel kann man überall sehr preiswert kaufen. Sie sind bei den SuS sehr beliebt. Jeder will möglichst viele Wörter zusammenstellen. Dabei schauen die Mitspieler nicht tatenlos zu; vielmehr geben sie Tipps und korrigieren, wenn sie meinen,dass das Wort falsch geschrieben ist.

Quartett
Beim Quartett werden ebenfalls viele Funktionen aktiviert: Lesen, Fragen exakt formulieren, kombinieren, welche Karten der andere haben könnte und immer wieder lesen.

 

Bei all diesen Spielen trete ich als Lehrer völlig in den Hintergrund. Nicht ich, sondern das Spiel mutet den Schülern die gestellte Aufgabe zu. Die Schüler fühlen sich zum freien Sprechen und Erzählen ermuntert, lassen sich zum freien Schreiben motivieren, zum Nachdenken über Sprache und korrekten Schreibweise anregen. 

 

Materialien
Falls Sie sich für die erwähnten Spiele interessieren,  hier einige der von mir genutzten Materialien

  • Spiele aus dem DAZ- Kasten und -Koffer vom Finken-Verlag
  • DAZ-Materialien Schroedel-Verlag
  • Buchstabenwürfelspiele
  • Paarweises Diktierspiel nach Bildkarten
  • Memory-Lesespiele

Fazit
Sind die von mir skizzierten Methoden ein sicherer Weg für erfolgreiche Förderung?  Diese Frage kann ich nur für mich persönlich beantworten. Für mich zählen Erfolgsmomente wie:

  • Die Schüler denken selbst an die Förder-Stunde und kommen pünktlich.
  • Sie freuen sich auf die Übungen, das spielerische Moment spricht sie an.
  • Sie beteiligen sich engagiert und kommen aus der Deckung.
  • Sie gewinnen eine Distanz zur eigenen Schwäche und nehmen die ihnen gestellte Herausforderung leichter an – und
  • die Rückmeldungen der Fachlehrer sind positiv